L wie Lesegeschwindigkeit – aus “Kinder mit LRS stärken”

Lesegeschwindigkeit Lesetraining lesen

L WIE LESEGESCHWINDIGKEIT

Eine bessere Leseleistung erhöht nicht nur die Lesegeschwindigkeit, sondern verbessert auch das Textverständnis.

Diese Aussage steckt voller komplexer Hintergründe und deshalb nun erst einmal Schritt für Schritt.

1. Leseleistung

Die Leseleistung umfasst die Fähigkeiten

📌 Buchstaben zu erkennen und zu unterscheiden (sprachlich, akustisch und optisch),

📌 Buchstabenkombinationen in Laute zu übersetzen,

📌 das dabei entstehende Wort mit einem Gegenstand, einer Handlung etc. zu verknüpfen und

📌 bei einer Aneinanderreihung mehrere Wörter komplexe Zusammenhänge zu verstehen.

👉 Hier geht es also rein um den Prozess des Lesens.

Ziel des Lesenlernens ist der allmähliche Übergang von der Buchstabenerkennung hin zu einer automatisierten Wortbilderkennung.

In der Praxis bedeutet dies: Beim sogenannten Lesen werden nicht mehr von Anfang des Wortes bis zu seinem Ende Buchstabe für Buchstabe zusammengezogen, sondern das gesamte Wortbild mit einem Blick erkannt. Die vielen verschiedenen Wortbilder unseres Wortschatzes sind also nachhaltig in unserem Gedächtnis abgespeichert und können bei Bedarf jederzeit abgerufen werden (zum Beispiel auch zum Buchstabieren oder zum Schreiben).

2. Die Lesegeschwindigkeit

Das automatisierte Lesen ist jedoch an ein Zeitfenster gekoppelt. Nur, wenn die Wörter eines Satzes innerhalb einer bestimmten Zeit erkannt werden, kann der Leser auch dessen Sinnzusammenhang verstehen.

Ein konkretes Beispiel

Wenn ich einem Kind einen Text vorlese – also mit dramatischen Pausen, unterschiedlichen Betonungen und einem Lächeln zwischendurch – dann lese ich in einer Minute (60 Sekunden) etwa 140 Wörter. 

Wenn ich dagegen in meinem Krimi lese – in Gedanken und ohne Rücksicht darauf, ob mir beim Lesen mal ein Wortende abhanden geht – lese ich mit einer Geschwindigkeit von etwa 245 Wörter pro Minute.

Kinder, die aufgrund ihrer Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben zu mir kommen, haben nicht selten eine Lesegeschwindigkeit von etwa 25 Wörtern pro Minute, manchmal sogar noch weniger. 

Sie sehen, zwischen diesen Zahlen liegen Welten.

Ein Test für Sie

Ich würde Sie an dieser Stelle gerne bitten, für mich und mit mir ein kleines Selbstexperiment zu machen.

Der nun folgende Text besteht aus 65 Wörtern. Bei einer Lesegeschwindigkeit von 20 Wörtern pro Minute bedeutet dies, dass Sie für das Lesen dieses Textes 3 min und 15 sek benötigen. 

Ich bitte Sie um etwas Kreativität – denn damit das Selbstexperiment gelingen kann, müssen wir die Situation eines leseschwachen Kindes so gut es geht nachstellen

✔️ Das Auge muss drei Sekunden lang auf einem Wort haften. Vielleicht können Sie die Wörter vor und hinter dem entsprechenden Wort abdecken, damit Ihr Auge nicht versucht ist, zwischen den Wörtern zu springen.

✔️ Erst nach drei Sekunden dürfen Sie zum nächsten Wort übergehen.

✔️ Der Gesamttext darf kein einziges Mal komplett gelesen werden – noch nicht einmal überflogen.

✔️ Sind Sie bereit? Dann mal los!  

Lesegeschwindigkeit

Und nun? Worum ging es in dem Text? Können Sie einer anderen Person locker darüber berichten? 

Das dürfte Ihnen schwerfallen! Und bedenken Sie, dass Sie während der drei Sekunden darüber nachdenken konnten, welche Informationen aus dem Text Sie bereits kennen und welche vielleicht noch kommen.

Ein Kind ohne ausreichende Lesekompetenzen hat in diesen drei Sekunden sehr viel Anstrengung und Konzentration verbraucht, um das jeweilige Wort überhaupt erst einmal zu erkennen.

Untersuchungen zeigen, dass bei einer Lesegeschwindigkeit von maximal 100 Wörtern pro Minute auch nur maximal 50 % des Gelesenen verstanden werden und wiedergegeben werden können. Bei einer gelesenen Anzahl von 240 Wörtern und mehr pro Minute steigt der Prozentwert des Verstandenen auf bis zu 80 %.

Bei Wikipedia finden Sie zu diesem Zahlen eine kurze Einführung.

3. Leseverständnis

Ich hoffe, ich konnte Ihnen mit diesem Beispiel näherbringen, warum es beim Lesen nicht nur darauf ankommt, Buchstaben zu Wörtern zu verbinden, sondern auch darauf, dass dies mit einer gewissen Geschwindigkeit passiert. 

Damit Texte möglichst genau und mit möglichst konkreten Informationen wiedergegeben werden können, müssen sie zunächst einmal verstanden werden. Sie kennen nun den Unterschied: Es geht nicht nur darum, die einzelnen Wörter zu kennen. Es geht vordergründig darum, die einzelnen Wörter in einen Zusammenhang zu bringen. Mit zunehmender Klassenstufe kommen weitere Kompetenzen hinzu, wie das Lesen zwischen den Zeilen – was eine noch höhere Lesekompetenz voraussetzt.  

Leseförderung ist ein Gewinngeschäft

Es ist also durchaus gewinnbringend, Kinder frühzeitig bei der Förderung ihrer Lesekompetenzen zu unterstützen.

Das Gute ist: Wenn die Lesegeschwindigkeit erst einmal zunimmt, steigt auch die Freude am Lesen. Das Gefühl, einen Text tatsächlich auch verstanden zu haben, erhöht wiederum die Motivation. Eine Aufwärtsspirale ist in Gang gesetzt. Und von den positiven Auswirkungen im Unterricht möchte ich gar nicht anfangen zu reden…

MEINE LIEBLINGSMETHODEN

Mit der Arbeit mit Lesekarten mache ich regelmäßig tolle Erfolge! Ich habe noch kein Kind erlebt, das seine Lesegeschwindigkeit nicht mindestens verdoppeln konnte. Dies ist auf den Aufbau der Lesekarten zurückzuführen, welcher das automatische Erkennen der Wortbilder zusätzlich unterstützt. Das Lesen erinnert dann an eine Art Auswendiglernen – genau das, was unser Gehirn braucht, um jederzeit und ohne Einschränkungen auf eine abgespeicherte Information zurückgreifen zu können.

Das dadurch gewonnene Selbstvertrauen lässt ungeahnte Energien frei, die wir direkt reinvestieren in tolle Bücher und weitere Erfolge.

Über die Arbeit mit Lesekarten schreibe ich ausführlich in diesem Artikel (Klick). 

Beim Blitzlesen erscheint ein Wort dem Auge nur für sehr kurze Zeit. Das Wortbild muss also sehr schnell erfasst werden.

Ein Training in diesem Bereich unterstützt die automatisierte Wortbild-Erkennung zusätzlich.

Die Karten in diesem Spiel werden auf einen Stapel gelegt, mit den Schriftbildern nach unten. Die Karte, die gezogen wird, muss so schnell wie möglich laut gelesen werden. Mit jeder Wiederholung wird Ihr Kind schneller, versprochen! 

Spielerisch verpacken lässt sich die Methode des Blitzlesens in ein Merkspiel.

Für fortgeschrittene Lerner ist auch eine Variante mit gespiegelten Wörter denkbar. Dies ist eine anspruchsvolle Förderung der optische Serialität (=Reihenfolge der Buchstaben).  

 

Merkspiel Lesetraining

LESETRAINING

Haben Sie nach diesem Artikel das Gefühl, dass auch bei Ihrem Kind die Lesegeschwindigkeit die Ursache für zahlreiche weitere Probleme ist?

👉 Dann schauen Sie doch mal in meinem Ferienkursprogramm vorbei.

Schon innerhalb dieser einen Kurswoche haben sich die Leseleistungen der Kinder bisher IMMER zusehends verbessert! 😍 Das Erstaunen über die eigenen Fertigkeiten ist unbezahlbar und ich liebe die Blicke der Kinder, die mir sagen “vielleicht kann ich es ja doch” 🙏

Warten Sie nicht! Am Anfang ist es “nur” das Lesen!

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