S wie Silben – aus “Kinder mit LRS stärken”

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Rechtschreibfehler können viele Ursachen haben.

Die häufigsten unter ihnen sind wohl

~ Wahrnehmungsfehler (verschiedene Laute oder Buchstaben können optisch oder akustisch nicht oder nur schwer voneinander unterschiedenen werden)

~ nicht abgeschlossene Speicherprozesse (Wörter wurden nicht als richtig abgespeichert und ausreichend oft wiederholt)

~ logische Fehler (die Erklärung einer bestimmten Schreibweise klingt absolut nachvollziehbar – ist aber leider falsch)

Aber was hat dies nun mit Silben zu tun?

Eine bewusste Aussprache und eine Betonung der einzelnen Silben eines Wortes kann viele Rechtschreibfehler verhindern! Und zwar ganz egal, welche Ursache ihr zugrunde liegen!

Besonders lange Wörter, die erstmal als große Hürde erscheinen, werden durch das sogenannte Silbieren in kleinere und vor allem übersichtlichere “Häppchen” gepackt, die dann nacheinander abgearbeitet werden können.

Nehmen wir als Beispiel das Wort Unterrichtsschluss:

Unterrichtsschluss

Typische Fehlerquellen in diesem Wort sind das gedoppelte r in Unterricht und das doppelte s, welches sich aus der Zusammensetzung der beiden Nomen Unterricht und Schluss ergibt. Durch eine saubere Aussprache des Wortes in Silben werden beide Konsonanten hörbar.

Das bewusste Lesen, Sprechen und anschließende Schreiben (ja, man kann auch in Silben schreiben), kann also zahlreichen Fehlerquellen vorbeugen.

Ein Fallbeispiel

Aus meiner ganz persönlichen Erfahrung möchte ich Ihnen von einem meiner Trainingskinder erzählen:

Marius hat große Probleme damit, lange Wörter zu lesen. Wörter mit maximal vier oder fünf Buchstaben funktionieren problemlos, darüber hinaus wird aus dem Lesen schnell ein Rätselraten. Zwar erkennt er grob die Buchstaben, kann deren Reihenfolge jedoch nicht in einen Zusammenhang bringen.

Wir beginnen also vorne und decken nach und nach die erkannten Silben ab und sprechen uns das, was wir bereits gelesen haben, immer wieder vor. Alleine das Abdecken reicht ihm oft schon, um den Rest des Wortes wesentlich besser zu erkennen.

Ich vermute, dass Marius bereits so viel Hemmungen gegenüber des Lesens aufgebaut hat, dass er bei langen Wörtern automatisch verkrampft. Sobald auch nur ein kleiner Teil des Wortes abgedeckt ist, scheint er lockerer zu werden und kann mir sofort sagen, was dort steht.

Im nächsten Schritt sprechen wir das Wort mehrmals in Silben (Hier ist es wichtig, nicht übertrieben gekünstelt zu sprechen, aber dennoch alle Silben hörbar zu machen).

Und im dritten Schritt wird das Wort geschrieben. Bei unseren ersten Schreibversuchen hatte ich wirklich ein bisschen Bauchschmerzen, denn es fehlten zahlreiche (!) Buchstaben, manche Buchstaben waren verdreht und auch beim Korrekturlesen konnte Marius seine Fehler nicht selbst erkennen.

Also zurück zu den Silben: „Marius, sprich das Wort genau so in Silben, wie wir es eben gemacht haben. Und du schreibst exakt die Silbe, die du gerade sprichst. Konzentriere dich nur darauf, nicht auf das Davor und nicht auf das danach.“

Und was soll ich sagen? Ja, Marius schreibt nicht fehlerfrei und ja, Marius braucht etwas länger beim Schreiben und an die Ausnahmen der deutschen Rechtschreibung haben wir uns noch nicht herangewagt.

Aber wenn ich die Erfolge dieses Kindes in Zahlen ausdrucken müsste, dann würden diese wie folgt aussehen:

Wir starteten mit einer Wahrscheinlichkeit von 2:10, dass Marius ein Wort, das mehr als sechs Buchstaben enthält, richtig schreibt. Heute (und es sind erst wenige Wochen vergangen) sind wir bei 8:10.

Und als kleiner Bonus:

Oft ergeben sich durch ein bewusstes Silbieren auch logische Herleitungen der Wörter, derer man sich vorher noch gar nicht bewusst war.

Nehmen wir hier als Beispiel das Wort wahrnehmen:

wahr – nehmen

Eine typische Fehlerquelle in diesem Verb ist das h in wahr, denn die meisten Kinder verbinden mit dem gesprochenen “war” die Vergangenheitsform von sein. Setzen wir uns jedoch bewusst mit dem Wort und seinen Bestandteilen auseinander, stellen wir fest, dass “Wahrnehmung” nichts anderes bedeutet, als dass wir etwas als die Wahrheit (an)nehmen. Dies finde ich persönlich übrigens einen sehr gelungenen linguistischen Schachzug, denn das Wort wahrnehmen impliziert damit, dass die betrachte Sache nicht automatisch auch wahr sein.

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